Die Cherbon´s

Von Hans-Joachim Sehrbundt

Die Cherbon´s zählen zu den Savoyarden, welche sich um 1600 aus ihrer angestammten Heimat Savoyen aufmachten, um eine neue Heimat, oder zumindest einen neuen Lebensunterhaltserwerb, in Süddeutschland zu suchen.

Zu diesen zählte auch die Familie Cherbon, welche eigentlich Scherbon ausgesprochen wurde.

Die kurze Geschichte der Cherbon´s hat Frau Gerda Cherbon, die letzte noch lebende Nachfahrin dieser Familie, mir freundlicherweise neben weiteren Familienunterlagen,zur Verfügung gestellt, sie sollen hier im Original erscheinen.

Die Savoyarden wanderten in Etappen aus, manche für einige Jahre oder für immer, einige davon kehrten später begütert in die Heimat zurück. Auch waren viele Handlungsreisende unter ihnen,welche im Sommer ­ oder über eine längere Zeit hinweg - in Süddeutschland Kleinhandel betrieben.

Mainz war zu der damaligen Zeit ein beliebter Ansiedlungsort der Savoyarden, allein schon der Religion und der Nähe zu Frankreich (Sprache) wegen. Auch war die dortige Obrigkeit und Bevölkerung als sehr tolerant und umgänglich bekannt.

Es könnte durchaus sein, daß sich ursprünglich Cherbon´s in der Nähe von Mainz, also in Ober-Olm, ansiedelten und im Kirchenbuch durch ein Missverständnis des Aufzunehmenden als Serbond erscheinen. Der Eintrag in die Kirchenbücher hing sehr oft von den jeweiligen Geistlichen ab, welche oft dem Namenseintrag -bei einfachen Leuten -einen eigenen Charakter“verpassten“.

Inzwischen haben wir auch Cherbon´s in Frankreich ausgemacht, diese schrieben sich jedoch Cerbon, also Cherbon ohne h. Seltsamerweise wurde der Name dieser Cerbon´s im Jahre 1890 in Serbond, so wie wir es in den Ober-Olmer Kirchenbüchern vorfinden, geändert.

Natürlich setzten wir uns mit den französischen Serbond´s in Joinville, in Rupt und in Brachay in Verbindung. Allerdings konnte man uns keine nähere Auskunft darüber geben, warum diese Namensänderung gerade zu dieser Zeit vorgenommen wurde.

Ebenso existiert eine Familie Serbond in Frankreich, Chaumont, welche zu dem Familienverband der oben genannten gehört. Dortige Nachforschungen blieben ebenso ergebnislos.

Verwunderlich ist diese Form der Namensumbenennung ­ sollte sie denn so vorgenommen worden sein- auf jeden Fall, insbesondere nach dem Kriege 1870/71.

In der Schweiz, in St. Ursanne, konnten wir einen Kanoniker Cherbon ausmachen, welcher urkundlich im Jahre 1364 dort erwähnt wurde. Darüber gibt es schöne Seiten im Internet.

Durch Kontakte mit einer niederländischen Ahnenforscherin stießen wir auf den Namen Charbo und auf Peter Cherbo, welcher 1797 in Geldern heiratete. Es wurde uns mitgeteilt, daß der Name Cherbon neben Cherbon´s oder Cherbo in der Familie häufiger vorkäme.

Ebenso sind noch Scherbon´s in Deutschland vertreten.

Die erwähnten Savoyarden - die Cherbon´s- siedelten sich in Mulfingen an, dort sind sie insgesamt in dem Index zu den Trauungsbüchern verzeichnet.

Die Mulfinger Cherbon´s stammen aus Vailly südlich des Genfer Sees. Bei der Durchsicht der Kirchenbücher von Vailly fiel auf, daß die dortigen Vornamen, mit denen der Serbonds in Ober-Olm, wenig gemeinsam haben.

Die zugewanderten Savoyarden kamen in der Hauptsache aus der Gegend des Aosta-Tales und wanderten vornehmlich nach Süddeutschland ein. Es waren durchaus nicht nur Händler und Bauern welche auswanderten, sondern geistig und intellektuell sehr regsame Menschen, welche in ihren jeweiligen neuen Ansiedlungsräumen befruchtend auf ihre Umgebung eingewirkten. Insbesondere suchten die Savoyarden gerne Orte auf, in denen sie ihre französische Sprache anwenden konnten.

Viele der Savoyarden bekamen alsbald Bürgerrechte und wurden in Zünfte aufgenommen. Durch ihre Regsamkeit kamen sie meist schnell zu Wohlstand, auch die Einheirat in angesehene ansässige Bürgersfamilien vermehrte den Besitzreichtum.

Wie oben beschrieben war vor allen Dingen die Stadt Mainz, Kurmainz, ein gesuchter Ansiedlungsort der Savoyarden ebenso Augsburg, München und Wien.

Eine sehr schöne Beschreibung über die “Savoyardischen Einwanderungen in Deutschland“ liegt von Franziska Raynaud vor, erschienen im Degener Verlag im Jahre 2001 (ISBN 3-7686-4216-x).

Ebenso lesenswert ist das Büchlein von Karl Martin: “Die Einwanderung aus Savoyen nach Südbaden“ (Sonderdruck aus der Zeitschrift Schau-ins-Land). Jahrlauf 65/66 (1938/39). In liebevoller Ausarbeitung werden die einzelnen Familien und Orte der Savoyardischen Einwanderungen aufgezeigt und beschrieben, manch Wissenswerte steht zwischen den Zeilen.

In beiden Werken jedoch ist die Familie Cherbon nicht erwähnt, die mag damit zusammenhängen, daß das Hauptauswanderungsgebiet der Savoyarden nicht in der Heimat dieser Familie lag, sondern viel mehr im Aosta-Tal, also eher an der Peripherie der Schilderungen in den beiden genannten Werken.

Wir wissen nicht ob die Familie Cherbon, mit unseren Serbond´s in Ober-Olm definitiv etwas zu tun hat.

Es gibt jedoch Hinweise aus dem gesamten Umfeld der Serbond´s in Ober-Olm, der Demographie und dem soziologischen Erscheinungsbild, das es sich auch durchaus um Savoyarden gehandelt haben könnte.

Die Umwandlung von Cherbon (Scherbon) in Serbond ist bei Kenntnis der damaligen Aufnahme in die Kirchenbücher durch Hilfspersonen oder jeweils unterschiedlich gebildete Kleriker nicht unwahrscheinlich. Aus einer Monographie über die Geistlichkeit der damaligen Zeit in Ober-Olm sind uns deren Lebensbilder durchaus präsent, und es scheint, dass diese bisweilen die Kirchenbücher nicht so korrekt führten, wie sie es eigentlich sollten.

Auch kann bisweilen der gute Pfälzer Wein (neben der Mundart)eine Lautverschiebung oder einen Hörfehler ermöglicht haben.

So wurden die Kirchenbücher über Jahre hinweg gar nicht, teilweise sehr unvollständig-unordentlich - oder von unausgebildeten Hilfspersonen geführt, bisweilen wurden sie für längere Zeit auf einmal nachgetragen.

Verwunderlich ist allerdings die oben beschriebene Namensumbenennung einer französischen Familie in den Namen Serbond im Jahre 1890. Dafür gibt es bis jetzt für uns keinen erklärbaren Grund.

Wir möchten diese Untersuchung der Vollständigkeit halber der Leserschaft übergeben. Zum Einen auch wegen der liebevollen Ausarbeitung von Frau Gerda Cherbon wegen und zum Anderen wegen der möglichen Hinweise auf die Abstammung der Familie Sehrbundt.

Die augenblicklichen Untersuchungen verweisen jedoch mehr auf Bormio, zu Pater Franz von Bormio, dessen Lebensbild in unseren Seiten im Internet nachlesbar ist.



Brief von Gerda Cherbon:

Der Cherbonhof - wie kam es zu diesem Namen?

Cherbon - diesen auch meinen Namen kann ich noch so sorgfältig buchstabieren, der gereinigte Mantel, das bestellte Buch finden sich nach langem Suchen und wiederholtem Rückfragen schliesslich beim Buchstaben S.

Wenn ich buchstabiere " C wie Cäsar, H wie Heinrich" dann schreibt mein Gegenüber prompt S -C - H - und schaut mich irritiert an, wenn ich sage: "Ohne S vorne." Nur zögernd wird das S gestrichen. Deutsche Namen beginnen nicht mit CH! Das ist unaussprechbar! "CH", ein Laut wie das ch in röcheln, das gibt es doch nicht am Anfang eines Namens!

Non, mein Name ist halt ein "ausländischer" Name, spricht sich Scherbon, schreibt sich Cherbon, wie man eben im Französischen das CH wie unser SCH spricht.

Schon in der Schule hiess es:" Ihr stammt wohl von den Hugenotten ab? Aber weshalb seid ihr katholisch?" Natürlich begegnete mir auch die naive Ubersetzung Cher-bon = Lieb-gut.

Im Ruhestand hatte ich endlich Zeit, mich genauer um das "woher" zu kümmern. Schriftliche Unterlagen waren mit unserer ganzen Habe beim Fliegerangriff auf Ulm verbrannt. Ich wusste nur, dass mein Urgross-Vater in Mulfingen im Jagsttal gewohnt hatte.

Im Nachlass meines Vaters fand ich Zeitungsausschnitte der Ipf- und Jagstzeitung von 1956, verfasst von Dekan Volz aus Mulfingen. Er hatte in mühevoller Arbeit die Lebensdaten von vier Mulfinger Bürgern mit französischen Namen aus den Kirchenbüchern zusammengesucht. Sie waren alle im 17.J.H. aus "Sapaudia" in das kleine Städtchen im Jagsttal zugewandert. Es waren:

    Pierre Tisserand, ein Handelsmann, der "welsche Krämer" genannt, der seinen Namen eindeutschte und sich fortan Peter Weber nannte. 1617 taucht er im Kirchenbuch auf anlässlich seiner Heirat mit einer Mulfingerin,

    Nikolaus Weber, sein Bruder, der "welsche Clas", erscheint 8 Jahre später im Kirchenbuch, als er ebenfalls eine Mulfingerin heiratet. Beide wurden angesehene Bürger des Städtchens. Ein Sohn des Peter Weber wurde Zentgraf (Schultheiss). Weitere Nachkommen folgten in diesem Amt der niederen Gerichtsbarkeit, also einem ausgesprochenen Vertrauensamt,

    Franz Monchenet erscheint 70 Jahre, also zwei Generationen, später 1689 im Kirchenbuch anlässlich seiner Heirat mit einer Mulfingerin. Er ist in "Leszela", wohl dem heutigen 'les Sallaz', in Chablais geboren im Jahre 1663.

    Claudius Cherbon, Handelsmann, erscheint 1682, also 7 Jahre vorher, im Kirchenbuch anlässlich seiner Heirat mit der 19 jährigen Salome Weber, Enkelin des oben erwähnten Peter Weber und Tochter des Zentgrafen Weber. Dieser Claudius Cherbon ist 1653 in Valier (heute Vailly) in der Landschaft Chablais in Sapaudia geboren als Sohn des Peter Cherbon ( oder Charbon?).

Und damit sind wir beim Namen Cherbon angelangt. Ein Enkel dieses Claudius Cherbon nämlich, Michael Cherbon, zog 1768 als 30jähriger Handelsmann nach Bamberg. Er wurde später Erbpächter eines nahen Klostergutes in Gaustadt. Dieses Klostergut wurde nach ihm Cherbonhof genannt. Einer seiner Söhne war der damals bekannte Arzt und Schriftsteller Thadäus Cherbon.

Nun zum Namen Cherbon. Er leitet sich wahrscheinlich ab vom französischen Berufsnamen Charbonier = Köhler. Daraus wurde vermutlich Charbon und schliesslich Cherbon.

Wo ist die Heimat der eingewanderten Franzosen zu suchen, und was hat diese bewogen, ihre Heimat zu verlassen?

Die Landschaft Chablais liegt südlich des Genfer Sees und gehört heute zu Frankreich, Sie ist ein Teil des früheren Herzogtums Savoyen, auch: Sapaudia, dann Sabaudia genannt vom französischen Sapin = In diesem "Tannenland" liegt der Mont Blanc, liegt Albertville. Im Osten schliesst sich das z.T. deutschsprachige Wallis an, die Heimat der Walser.

Savoyen ist seit je ein Durchgangsland. Täler fuhren nach Norden und Westen ins Alpenvorland heraus. Die Schneegrenze lag früher höher. Der grosse St. Bernhardpass - seit Urzeiten begangen - stellt übers Aostatal die Verbindung nach Italien her.

Bekannt ist, dass das karge Gebirgsland Savoyen schon ab dem 12. J.H. seine stark angewachsene Bevölkerung (wohl meist Bergbauern, Waldarbeiter, Köhler) nicht mehr ernähren konnte, ähnlich dem Wallis. Deshalb wurden, wie auch im Allgäu üblich, die Kinder den Winter über ins nördliche Alpenvorland verdingt (es gab richtige Märkte dafür). Sie waren damit weg vom Tisch und brachten im Frühjahr wohl auch ein kleines Taschengeld mit. Junge Burschen zogen den Winter über nach Genf und anderen Städten, um dort ein bisschen Geld zu verdienen. Manche blieben als Handwerker dort.

Im 14. J.H. erschienen Savoyarden als Handelsreisende in Zürich, im 15. J.H. als Händler auf den Märkten von Freiburg im Breisgau. Von dort schwärmten sie nach Süddeutschland aus. Als Hausierer mit Tuch und Gewürzen und anderen Waren machten sie sich bei ortsansässigen Kaufleuten unbeliebt, weil sie die Bauern vom Besuch der lokalen Märkte abhielten.

Den tüchtigeren, vermögenderen gelang es, sich in Süddeutschland als Kaufleute niederzulassen. Es waren meist Söhne angesehener Familien. Sie holten dann als Gehilfen junge Leute aus ihrer Heimat nach. So kam wohl auch Claudius Cherbon nach Mulfingen. Offenbar waren die Kontakte zur Heimat über zwei Generationen nicht abgebrochen trotz des inzwischen stattgefundenen Dreissigjährigen Krieges und trotz der für damalige Verhältnisse grossen Entfernung (Luftlinie 500 km). Der Cherbonhof verdankt also seinen Namen der Abwanderung von Savoyarden aus ihrer kargen Bergheimat. Bekannte Namen savoyardischer Herkunft sind Carossa, Zumstein, Castell u.a.

Es gehörte schon Wagemut dazu, mit damaligen Verkehrsmitteln ( ZU FUSS, zu Pferd, mit Pferdewagen) bei damaligen Unsicherheiten von Savoyen bis nach Süddeutschland zu gelangen, ganz zu schweigen von evtl. sprachlichen Schwierigkeiten. Oder waren die Savoyarden durch die Nähe der Waliser der deutschen Sprache mächtig?

Offen bleibt auch die Frage, weshalb der zuerst angekommene Peter Weber sich gerade in Mulfingen niedergelassen hat. Mulfingen soll früher eine Heilquelle gehabt haben, deren Wasser bis in die Schweiz verschickt wurde. Entstanden so die ersten Kontakte?

Im Dunkel der Geschichte bleibt auch, ob die Heirat mit einer Mulfingerin eine "Strategie" zur leichteren Einbürgerung war oder ob Peter Weber dort einfach sein Herz verlor unddeshalb in Mulfingen hängen blieb.

Die Verfasserin ist die letzte Namensträgerin der Cherbon in Deutschland. Die Namen der anderen Mulfinger Savoyarden sind erloschen. Im Cherbonhof lebt der Name Cherbon weiter.

Gerda Cherbon.

Dokumente:


Die von Gerda Cherbon gezeichnete Karte

Bericht über den Cherbonhof

Bericht Forts.

 

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